Wie geht es weiter nach dem Forum „Zukunft der Erinnerung“ 2016?

Teilnehmer_innen des Forums "Zukunft der Erinnerung" 2016. © Bente Stachowske, 2016.

Teilnehmer_innen des Forums „Zukunft der Erinnerung“ 2016. © Bente Stachowske, 2016.

Austausch über die Möglichkeiten eines aktiven Erinnerns

Vom 30. April bis 2. Mai 2016 hatte die KZ-Gedenkstätte Neuengamme zum zweiten jährlich stattfindenden Forum „Zukunft der Erinnerung“ geladen. 50 Personen hatten die Einladung zum Austausch über neue Wege in der europäischen Erinnerungskultur gerne angenommen. Unter ihnen waren Vertreter_innen der nationalen Verbände, in denen sich Überlebende des KZ Neuengamme und die Nachkommen ehemaliger Häftlinge engagieren, aber auch Nachkommen von Verfolgten, die keiner Organisation angehören, genauso wie Nachkommen von NS-Täter_innen, aber auch Mitarbeiter_innen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Teilnehmer_innen des Jugendprojekt „Welcher Film spielt denn hier?“ und Interessierte.

Zwei thematische Schwerpunkte bestimmten das Programm des Forums. Zum einen ging es um die Motivation der Nachkommen von Verfolgten und der Nachkommen von Täter_innen, mit ihrer Familiengeschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Zum anderen ging es darum, mehr Menschen aktiv in den Diskurs über konstruktive Formen des Erinnerns einzubinden. Verbunden wurden diese Themen durch die Annahme, dass diejenigen, die mit ihrer Familiengeschichte an die Öffentlichkeit gehen, zeigen, welche Bedeutung die NS-Verbrechen noch für die Gegenwart haben, und gleichzeitig anderen Mut machen, sich auch mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu befassen.

Vorstellung laufender Projekte

Auf dem Forum „Zukunft der Erinnerung“ 2015 waren zahlreiche Ideen entwickelt worden, die in den folgenden Monaten durch das Engagement einiger Teilnehmer_innen konkretisiert werden konnten. Um die Teilnehmer_innen des diesjährigen Forums „Zukunft der Erinnerung“ auf den neuesten Stand zu bringen, wurde die Möglichkeit eröffnet, diese laufenden Projekte vorzustellen.

Sichtbarmachung der Namen der Überlebenden des KZ Neuengamme

Uta Kühl. © Privatbesitz Uta Kühl.

Uta Kühl. © Privatbesitz Uta Kühl.

Bereits 2014 auf der Mehrgenerationenbegegnung, dem Vorläufer des Forums „Zukunft der Erinnerung“, hatte Uta Kühl, Tochter eines Überlebenden eingefordert, dass auch die Namen der Überlebenden des KZ Neuengamme öffentlich in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme genannt würden.  Dieser Wunsch war während des Forums „Zukunft der Erinnerung“ 2015 aufgegriffen worden und mündete schließlich in der Gründung der „AG Sichtbarmachung“, die ihr Positionspapier am 30. April vorstellte und von den Gesprächen mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme berichtete.

Wachsendes Denkmal

Die AG fordert ein „wachsendes“, sich also immer weiter veränderndes Denkmal, dass die Verbindung zwischen den Überlebenden des KZ Neuengamme und ihrer Nachkommen mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zum Ausdruck bringt. Das „Wachstum“ soll dadurch entstehen, dass neue Namen durch Überlebende, Nachkommen ehemaliger Häftlinge, Freunde, Verbände oder auch interessierten Dritten, z.B. Schulklassen hinzugefügt werden können.  Das Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme würde die Überprüfung der Namen übernehmen. Das Anbringen neuer Namen würde jedes Jahr – vermutlich zu den Mai-Gedenktagen – stattfinden. Ergänzt werden könnte das Denkmal durch eine Online-Plattform, hier biete sich eine Subdomain dieses Blogs an, auf der persönliche Informationen zu den genannten Personen, z.B. Briefe, Fotos oder ähnliches, hochgeladen werden könnten. Tom Devos vom N.C.P.G.R. – Meensel-Kiezegem ’44 bietet an, die Erfahrungen seines Vereins mit einer Online-Plattform mit der Arbeitsgruppe zu teilen.

Umsetzung des Projekts

Um einen geeigneten Entwurf für das Denkmal zu erhalten, könnte sich die AG eine Ausschreibung unter Studierenden der Bildenden Künste in Hamburg vorstellen. So könnten auch die Kosten gesenkt werden.

Für die mit dem Anbringen neuer Namen verbundenen Kosten könnte sich die AG vorstellen, durch Patenschaften finanzielle Unterstützer zu gewinnen. Ideell werde das Projekt vom Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V. in enger Absprache mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme betreut.

Offen ist gegenwärtig noch der Standort des Denkmals auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Während die Gedenkstätte den Gedenkhain vorschlägt, wünscht sich die AG einen prominenteren Ort auf dem Gelände, an dem regelmäßig mehr Besucher_innen vorbeikommen. Darüber hinaus assoziieren viele den Gedenkhain vornehmlich mit dem Gedenken an die ermordeten Häftlinge. Detlef Garbe, der Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, erinnert, dass das internationale Mahnmal von 1965 für alle Häftlinge errichtet wurde. Es solle daher nun keine künstliche Trennung von ermordeten Häftlingen und Überlebenden erzeugt werden.

Dialog- und Angehörigenseminar

Im März 2016 wurden mit „Einander kennenlernen – Trotz alledem“ und „Meine, deine, unsere Geschichte“ zwei neue Workshops zum Austausch über die eigene Familiengeschichte in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme angeboten.

Swenja Granzow-Rauwald berichtete von den Erfahrungen, die sie und ihre Co-Moderatorin Victoria Evers, bei der Durchführung des Workshops „Meine, deine, unsere Geschichte“ für Nachkommen von Verfolgten gemacht hatten. Im Zentrum des Workshops habe der Austausch zwischen Nachkommen von politisch und rassisch Verfolgten, aber auch von Zwangsarbeiter_innen über die Wünsche der Teilnehmer_innen bezüglich des öffentlichen und privaten Erinnerns gestanden. Unter den Teilnehmer_innen habe Einigkeit darüber geherrscht, dass es in ihrem Umfeld wenig Interesse an ihrer Familiengeschichte gebe. Ein Konflikt sei darüber entbrannt, ob es Verfolgtengruppen gäbe, die schlimmer als andere unter den Nazis gelitten hätten. Erst als die Teilnehmer_innen Erinnerungsobjekte und deren Geschichten einander hätten zeigen können, habe sich dieser Konflikt aufbrechen lassen. Abschließend sei deutlich geworden, dass sich einige Teilnehmer_innen eine stärkere therapeutische Ausrichtung gewünscht, während andere mehr Hilfe bei der Recherche zu ihren Familien gesucht hätten.

Dr. Oliver von Wrochem (rechts) im Gespräch mit Swenja Granzow-Rauwald und Ulrich Gantz. © KZ-Gedenkstätte Neuengamme, 2016.

Dr. Oliver von Wrochem (rechts) im Gespräch mit Swenja Granzow-Rauwald und Ulrich Gantz. © KZ-Gedenkstätte Neuengamme, 2016.

Über den Dialogworkshop „Einander kennenlernen – trotz alledem!“, der sich an Nachkommen von Verfolgten und Nachkommen von Täter_innen richtet, referierte Ulrich Gantz, der diesen Workshop zusammen mit Swenja Granzow-Rauwald konzipiert und geleitet hat.  Bei der Auswahl der Teilnehmer_innen hätten die beiden viel Wert auf die paritätische Zusammensetzung gelegt. In den Diskussionen und Übungen des Workshops sei es um die Frage gegangen, was die Teilnehmer_innen weitergeben wollten, an ihre Familien, aber auch die Gesellschaft. Einige Teilnehmer_innen hätten sich mehr Zeit für das Erzählen ihrer eigenen Familiengeschichte gewünscht, was das Moderationsteam aber bereits im Vorfeld abgelehnt habe, da es ihm nicht um ein Aneinanderreihen von Geschichten gehe, sondern um einen Austausch darüber, wie die Familiengeschichte Einfluss auf das Leben der Nachkommen nehme.

Zusammenarbeit der Verbände der Überlebenden und Nachkommen mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Die enge Zusammenarbeit zwischen den Verbänden der Überlebenden des KZ Neuengamme und der Nachkommen ehemaliger Häftlinge habe eine lange Tradition. Ausgehend von dieser Feststellung erläuterte Jean-Michel Gaussot, der Präsident der Amicale Internationale de Neuengamme und der Generalsekretär der Amicale française de Neuengamme, an welchen Punkten noch Verbesserungen vorgenommen werden müssten.

Jean-Michel Gaussot spricht auf der Gedenkfeier in Neustadt am 3. Mai 2016. © Bente Stachowske, 2016.

Jean-Michel Gaussot spricht auf der Gedenkfeier in Neustadt am 3. Mai 2016. © Bente Stachowske, 2016.

Zunächst gebe es eine Sprachbarriere. Deutsch und Englisch, die Sprachen, die die Gedenkstätte für die Kommunikation benutze, würden nicht von allen Mitgliedern der Verbände beherrscht. Gleichzeitig breche durch die schwindende Zahl der Überlebenden ein wichtiges Verbindungsglied zwischen den Verbänden und der Gedenkstätte weg. Jean-Michel Gaussot appellierte an die Verbände, zukünftig mehr zu diesem Blog beizutragen und die Organisation von Begegnungen wie dem Forum „Zukunft der Erinnerung“ voranzutreiben.

Detlef Garbe, Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, fügte hinzu, dass die Einbeziehung der Verbände in die Arbeit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme einen entscheidenen Beitrag dazu leiste, dass die Gedenkstätte mehr als nur eine staatliche Einrichtung sei. Sie trügen dazu bei, dass die Gedenkstätte in der Gesellschaft verankert bleibe. Gemeinsam mit den Verbänden, so erhofft sich Detlef Garbe, könne die internationale Vernetzung vorangetrieben und die Lobby der Gedenkstätte gestärkt werden. Als ein wichtiges Ziel nennt Detlef Garbe darüber hinaus, mehr mit internationalen Gedenkstätten zusammenzuarbeiten, insbesondere jenen, die z.B. an die Durchgangslager erinnerten, von denen aus Häftlinge in das KZ Neuengamme deportiert worden seien.

Detlef Garbe spricht auf der Gedenkfeier der KZ-Gedenkstätte Neuengamme am 3. Mai 2016. © Bente Stachowske, 2016.

Detlef Garbe spricht auf der Gedenkfeier der KZ-Gedenkstätte Neuengamme am 3. Mai 2016. © Bente Stachowske, 2016.

Filmprojekt für junge Erwachsene

Während die oben vorgestellten Projekte kontinuierlich weiterverfolgt werden, wurde auch das nun abgeschlossenes Projekt für junge Erwachsene „Welcher Film spielt denn hier? Macht (eure) Geschichte zum Film“ auf dem Forum „Zukunft der Erinnerung“ vorgestellt. In einer Podiumsdiskussion mit den zwei Betreuer_innen des Filmprojekts konnten die sieben Teilnehmer_innen im Alter zwischen 15 und 26 Jahren über die Erfahrungen mit der Recherche ihrer eigenen Familiengeschichte und dem Beantworten der Frage „Was bedeutet mein (Nicht-)Wissen über meine Familiengeschichte für mein Leben heute?“ in ihren Stop-Motion-Filmen berichten. Ihr Gespräch wurde nur durch die Vorführung des zusammengeschnittenen gemeinsamen Films unterbrochen. Die Teilnehmerin Birgit Stick erklärte anschließend, dass für sie die entscheidende Stelle des gemeinsamen Films die Szene sei, in der Franciska Henning, deren Urgroßvater „Spatz“ genannt wurde und deshalb in ihrem Film auch als Vogel erscheint, eben ihren Urgroßvater als Spatz auf ihrer Schulter begrüßt. Für Birgit symbolisiere diese Stelle die Verbindung zwischen der Familiengeschichte und der Gegenwart der Jugendlichen.

Mich selbst in den Film mit einzubringen war schwieriger als jede Fluganimation meines kleinen Spatzen. Durch das Projekt habe ich einen Zugang zu meinem Uropa gefunden, auch wenn ich ihn nie kennen lernen durfte.

„Mich selbst in den Film mit einzubringen war schwieriger als jede Fluganimation meines kleinen Spatzen. Durch das Projekt habe ich einen Zugang zu meinem Uropa gefunden, auch wenn ich ihn nie kennen lernen durfte.“

Die Familiengeschichte öffentlich machen

Unter den Teilnehmer_innen des Forums „Zukunft der Erinnerung“ waren die Jugendlichen nicht die einzigen, die den Schritt, mit ihrer Familiengeschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, gewagt hatten. Der zweite Tag des Forums stand ganz im Zeichen der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte. Am Vormittag diskutierte Karin Heddinga mit Victoria Evers, Enkeltochter eines polnischen Überlebenden des KZ Neuengamme, und Arend Hulshof, Urenkel eines niederländischen Häftlings, der im KZ Neuengamme ermordet wurde, sowie mit Ralph Schwerdt, dem Sohn des Neuengammer Lagerkommandanten Martin Weiß, und Rinke Smedinga, Sohn eines niederländischen SS-Mannes, über ihre Motivation mit der eigenen Familiengeschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

Arend Hulshof erklärte, dass er durch das gerade erschienen Buch „Rijpstra’s ondergang“ über seinen Urgroßvater, einen niederländischen Bürgermeister, nicht nur die Widerstandsarbeit seines Urgroßvaters beleuchten wolle, sondern auch die Momente, in denen er sich der Kollaboration schuldig gemacht habe. Hulshofs Buch ist das erste seiner Art in den Niederlanden.

Während Arend Hulshof seinen Urgroßvater nie hatte kennenlernen können, da er im KZ Neuengamme ermordet wurde, hatte Victoria Evers bis zum Tod ihres Großvaters ein sehr enges Verhältnis zu ihm, dennoch aber keine genauen Informationen über seine Erfahrungen in deutschen Konzentrationslagern. Er habe seine Tochter und seine Enkeltochter immer vor dieser Geschichte beschützen wollen. So hat sich Victoria Evers erst nach dem Tod ihres Großvaters mit diesem Kapitel seines Lebens befasst und begonnen, öffentliche Vorträge über seine KZ-Erfahrungen abzuhalten.

In den Familien der beiden Täter-Nachkommen sei zwar über den Krieg geredet worden, aber es habe sich immer um geschönte, verherrlichende Versionen gehalten. Ralph Schwerdt hat seinen leiblichen Vater, den Konzentrationslagerkommandanten, nie kennengelernt, da dieser schon vor seiner Geburt hingerichtet wurde. Mit der Familiengeschichte habe er sich zwar schon als junger Student auseinandergesetzt, doch an die Öffentlichkeit habe er sich erst getraut zu gehen, nachdem er schon im Ruhestand war, da er Angst um seinen Ruf als Arzt gehabt habe. Die Aufmerksamkeit, die ihm und seiner Familie nach der Veröffentlichung eines Interviews im Sammelband „Nationalsozialistische Täterschaften“ zuteil worden sei, habe in ihm zunächst ein ungutes Gefühl ausgelöst, doch so langsam gewöhne er sich daran.

Rinke Smedinga

Rinke Smedinga. Foto: Hans van der Maarel.

Rinke Smedingas Umgang mit seiner Familiengeschichte ist in dieser Runde außergewöhnlich, denn er schreibt Gedichte darüber, was es bedeutet, einen „falschen“ Niederländer zum Vater zu haben. In einem dieser Gedichte beschreibt er, dass er als Junge erkennen musste, dass er seinen Vater, der die Kriegszeit immer verherrlicht habe, bereits im Krieg „verloren“ habe. Heute tritt er viel in der Öffentlichkeit auf, um vor Schulklassen und anderen Gruppen von seiner Familiengeschichte zu erzählen. Dass die Erfahrungen der Erlebnisgeneration nicht das Leben der Nachkommen beherrschen müssen, zeigt eine weitere Besonderheit in Rinkes Leben. Er ist seit 25 Jahren verheiratet mit Martine Letterie, der Enkeltochter eines im KZ Neuengamme ermordeten niederländischen Häftlings. Gemeinsam geben sie Präsentationen darüber, was es bedeutet, dass zwei Seiten des Krieges in einer Familie vertreten sind.

Workshops zum Thema „Schutz der Privatsphäre oder gesellschaftliche Verpflichtung zur Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte“

Die Themen der Podiumsdiskussion wurden am Nachmittag desselben Tages in kleinen Workshopgruppen wieder aufgegriffen. Die Recherche der Familiengeschichte als erster Schritt wurde in den Workshops als Weg zum Auflösen von Familienmythen verstanden, aber auch als Schlüssel zu einem besseren Verständnis, z.B. von familiären Traumata. Deutlich wurde, dass es letztendlich viele Gemeinsamkeiten zwischen den Nachkommen der Verfolgten und den Nachkommen der Täter_innen gibt. Beide Gruppen sind so heterogen wie auch die Erfahrungen der Erlebnisgeneration, weshalb sich ein Pauschalisieren als schwierig darstellt. Einig war man sich jedoch, dass die 2. Generation mit besonderen Herausforderungen, insbesondere denen emotionaler Natur, zu kämpfen habe, während der 3. und 4. Generation eine gewisse Objektivität, insbesondere wenn sie die Erlebnisgeneration nicht kennengelernt habe, leichter falle.

Anstelle von einer Verpflichtung zur Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte gingen die Teilnehmer_innen eher von einer gesellschaftlichen Verantwortung aus. Dabei ging es weniger um die Verantwortung der Nachkommen der prominenten Persönlichkeiten, sondern denen der „breiten Mitte“, die durch ihre Auseinandersetzung mehr Einblicke in einen noch nicht ausreichend beleuchteten Teil der Geschichte liefern könnten. Zumindest in einem Workshop zeigte sich, dass es einigen Personen, die den Umgang Deutschlands nach 1945 mit der Nazi-Zeit durchaus kritisch bewerten, das Handeln ihrer eigenen Familienmitglieder nicht analysieren, sondern sie lieber als „normale“ Deutsche verstanden wissen wollen.

Mehr Beteiligung an der Zukunft der Erinnerung

Ausgangspunkt für die Diskussionen des dritten und letzten Tages des Forums „Zukunft der Erinnerung“ war die Frage, wie mehr Menschen dazu motiviert werden könnten, sich aktiv in die Diskussion über die Bedeutung der Geschichte des Nationalsozialismus für die Gegenwart einzubringen.

Vernetzung durch Online-Angebote

Tom Devos und Swenja Granzow-Rauwald zeigten in ihrer Präsentation Möglichkeiten der Nutzung des Internets für den Aufbau eines Netzwerks zum Thema „Zukunft der Erinnerung“ auf. Tom Devos erläuterte die flämische Datenbank, die der Verband N.C.P.G.R.-Meensel-Kiezegem ’44 seit zwei Jahren betreibe, um Informationen zu den Opfern, aber auch den Täter_innen öffentlich zur Verfügung zu stellen. Hier sei es besonders wichtig, dass für die Nutzer_innen genau nachvollziehbar sei, woher die Informationen stammten. Dieses Angebot werde auf der Website des Vereins, aber auch durch aktuelle Berichte, u.a. auch Zeitungsartikel, ergänzt. Monatlich werde die Seite von ca. 2500 Besuchern aufgerufen. Den Newsletter hätten zwischen 400 und 500 Personen abonniert. Doch weder die Kommentarfunktion noch die Facebook-Gruppe des Verbands sei viel genutzt worden, bis man angefangen habe, historische Fotos hochzuladen, die plötzlich Gespräche angeregt hätten. Abschließend erinnert Tom Devos aber auch daran, dass es eben nicht nur das Internet-Angebot gebe, sondern auch viele Veranstaltungen in der analogen Welt. Dieses Interesse müsse man für das digitale Angebot nutzen.

Tom Devos und Swenja Granzow-Rauwald. © Bente Stachowske

Tom Devos und Swenja Granzow-Rauwald. © Bente Stachowske

Swenja Granzow-Rauwald präsentierte anschließend ihre Überlegungen, wie der Blog „Reflections on Family History Affected by Nazi Crimes“ noch besser für die Vernetzung von denjenigen genutzt werden könne, die eine konstruktive Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte anstrebten. Es sollte sich dabei nicht nur auf diejenigen konzentriert werden, die einen direkten Bezug zur Geschichte des KZ Neuengamme hätten, sondern auch diejenigen miteinbezogen werden, denen sonst ein solches Angebot verwehrt bleibe. Um Menschen überall auf der Welt erreichen zu können, deren Familiengeschichten von den NS-Verbrechen geprägt wurden, hat sich Swenja Granzow-Rauwald das Ziel gesetzt, stärker dafür zu sorgen, dass die Artikel des Blogs in verschiedene Sprachen übersetzt werden. Gegenwärtig sind die meisten Artikel auf Deutsch abzurufen, auch zahlreiche englische Übersetzungen gibt es. Wenige Artikel sind jedoch bis jetzt auf Französisch, Niederländisch oder Spanisch erschienen. Swenja Granzow-Rauwald bat die Anwesenden, insbesondere die Vertreter_innen der nationalen Verbände, Freiwillige anzuwerben, die ab und an Artikel übersetzen könnten. Umso größer die Zahl der freiwilligen Übersetzer sei, umso weniger Arbeit falle für jeden einzelnen von ihnen an. Vielleicht ließe sich durch eine größere Sprachenvielfalt zumindest eine Barriere zum Kommentieren der Artikel auf dem Blog beseitigen. Angedacht sei darüber hinaus eine Facebook-Gruppe, die in einem geschlossenem Rahmen das Diskutieren von Artikeln ermögliche. Ein Online-Round-Table, so Swenja Granzow-Rauwald, würde darüber hinaus die Möglichkeit geben, den Austausch der Anwesenden nicht erst beim Forum „Zukunft der Erinnerung“ im nächsten Jahr fortzusetzen, sondern bereits viel früher wichtige Themen wieder aufzugreifen. Zunächst könnte eine Gruppe von Expert_innen eine Frage auf dem Blog öffentlich diskutieren. Anschließend könnten sich Interessierte in das Gespräch einbringen. Die Diskussion könne abschließend auf dem Blog archiviert werden.

Alle Ideen seien schließlich bei der Umsetzung auf die Mitwirkung der Anwesenden angewiesen. Der Blog lasse sich vor allem durch das gezielte Ansprechen möglicher interessierter Personen und Gruppen bekanntmachen und Diskussionen könnten nur dann entstehen, wenn zunächst einmal Menschen aus ihrer Komfortzone herausträten und diskussionswürdige Beiträge öffentlich machten.

Kritische Stimmen aus dem Plenum bemängelten, dass es schwer sei, den Blog zu bewerben, weil er so einen sperrigen Namen habe. Swenja Granzow-Rauwald erläutert, dass dieser Name notwendig geworden sei als klar wurde, dass man sich sonst nicht von denjenigen, die allgemein an Genealogie interessiert seien, abgrenzen könne.

Auch der Wunsch nach einem geschützten Rahmen wie dem Forum „Zukunft der Erinnerung“ wird mehrfach geäußert. Hierauf erwidert Swenja Granzow-Rauwald, dass die Facebook-Gruppe ein solcher sicherer Ort sein könne, weil hier nur auf Einladung Zugang gewährt werde. Der Blog selbst und die dort veröffentlichten Kommentare oder auch der Round-Table seien jedoch komplett öffentlich. Auch eine Facebook-Seite habe eine solche öffentliche Funktion. Mit den verschiedenen Kanälen könne man unterschiedliche Menschen erreichen und sollten daher alle genutzt werden.

Internationale Jugendbegegnungen

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Katja Hertz-Eichenrode und Martine Letterie. © Bente Stachowske, 2016

Insbesondere jüngere Menschen möchten Martine Letterie, Vorsitzende der niederländischen Stichting Vriendenkring Neuengamme und Vizepräsidentin der Amicale Internationale de Neuengamme, und Katharina Hertz-Eichenrode mit ihren Projekten in die Arbeit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme einbeziehen. Als gut etabliertes Projekt stellt Martine Letterie die jährlichen Reisen von Schüler_innen einer Schule aus dem niederländischen Eindhoven vor. Die Schüler_innen legten bei ihrem Besuch den Fokus auf das Gedenken am Bullenhuser Damm, da ihre Schule nach den Brüdern Hornemann benannt ist, die dort ermordet wurden. Die Motivation der Schüler_innen, so berichtete Martine Letterie, werde dadurch gesichert, dass sie sich schriftlich auf die Teilnahme bewerben müssten.

Die Eindhovener Schüler_innen haben jedoch bei ihren Besuchen keinen Kontakt zu gleichaltrigen Deutschen. Hier setzt das von Katharina Hertz-Eichenrode vorgestellte Projekt an, das gegenwärtig noch in der Planungsphase ist. Entsprechend einem klassischen Schüleraustausch besuchen sich die deutschen und niederländischen Schüler_innen gegenseitig. Neu ist der Fokus des Programms auf die Frage „Wie ist das bei euch so mit dem Erinnern?“ Nationale Besonderheiten sollten dabei genauso betrachtet werden wie die Gemeinsamkeiten, um die gemeinsame europäische Erinnerung zu stärken. Um den Schüler_innen auch einen kreativen Zugang zum Thema Erinnerung zu ermöglichen, sei angedacht, dass die Gruppen gemeinsam ein Erinnerungsobjekt entwerfen, was dann in beiden Ländern aufgestellt werden könne. Obwohl Schulen grundsätzlich interessiert seien an dieser Begegnung, sei das Projekt bis jetzt daran gescheitert, dass es in den engen Stundenplan schlecht zu integrieren sei und das Einwerben von finanzieller Unterstützung auch zeitaufwendig sei.

Für Studierende sei es leichter, auf solche Reisen zu gehen, was das als letztes vorgestellte Projekt für angehende Lehrer_innen aus den Niederlanden zeigt. Martine Letterie möchte erreichen, dass zukünftig die Lehramtstudent_innen nicht mehr nur in die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück reisen, sondern auch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme besuchen. Bei diesem Projekt könnte die Gruppe den Spuren eines Deportationszugs folgen. Hierbei sei die Kooperation mit niederländischen Gedenkstätten besonders sinnvoll.

In der anschließenden Diskussion stellt Oliver von Wrochem, Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, seine Idee vor, zum nächsten Forum „Zukunft der Erinnerung“ eine Gruppe internationaler Jugendlicher einzuladen. Hier seien auch die Verbände gefragt, um mögliche Interessierte auf dieses Angebot aufmerksam zu machen.

Das Forum „Zukunft der Erinnerung“ 2017 und andere Begegnungen

Jean-Michel Gaussot. © Privatbesitz Jean-Michel Gaussot.

Jean-Michel Gaussot. © Privatbesitz Jean-Michel Gaussot.

Jean-Michel Gaussot, Präsident der Amicale Internationale de Neuengamme und Generalsekretär der Amicale française de Neuengamme, konkretisiert in seiner Präsentation die Ideen für das nächste Forum „Zukunft der Erinnerung“ jenseits der Beteiligung internationaler Jugendlicher. In den Fokus rückt er den stärkeren Bezug zur Gegenwart und den Problemen, die Europa gegenwärtig anzugehen habe. Die Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus müssten so aufgeschlüsselt werden, dass man sie auf die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft anwenden könne. Darüber hinaus würde er wenig am Format des diesjährigen Forums, zumindest was die Teilnehmer_innen und den Tagungsort betreffen, verändern. Lediglich die Sprachbarriere müsse besser überwunden werden. Trotz des Blickes auf die Gegenwart solle in Zukunft bei diesen Begegnungen auch das Gedenken nicht zu kurz kommen.

Ulrich Gantz ergänzt die Vorstellungen um einen Aufruf, sich auf die europäischen Werte zu besinnen und Freundschaften über Grenzen hinweg zu pflegen. Er bedauert, dass an diesem Forum „Zukunft der Erinnerung“ keine Vertreter_innen aus Osteuropa teilnähmen und skizziert Ideen wie der Kontakt nach Osteuropa gestärkt werden könne. Die Verlegung des Tagungsortes nach Osteuropas könnte durch den Wegfall der beschwerlichen Anreise es attraktiver machen für Menschen aus Osteuropa, an diesen Begegnungen teilzunehmen. Gleichzeitig könne eine Öffnung des Kreises der Teilnehmer_innen für eine Zielgruppe jenseits derjenigen, die einen persönlichen Bezug zur Geschichte des KZ-Neuengamme haben, eine Bereicherung der Diskussionen bedeuten. Diese Ideen werden positiv aufgenommen, doch die Finanzierung und auch die Bereitstellung der Infrastruktur würden einen sehr viel größeren Aufwand bedeuten.

Abschlussdiskussion

Swenja Granzow-Rauwald und Oliver von Wrochem 2015. © KZ-Gedenkstätte Neuengamme, 2015.

Swenja Granzow-Rauwald und Oliver von Wrochem 2015. © KZ-Gedenkstätte Neuengamme, 2015.

Am Ende des Forums „Zukunft der Erinnerung“ greift Swenja Granzow-Rauwald noch einmal das Thema der Sichtbarmachung der Namen der Überlebenden auf, weil es hier noch Gesprächsbedarf zu geben schien. Barbara Hartje, Vorsitzende des Freundeskreises der KZ-Gedenkstätte Neuengamme e.V. und Mitglied der AG Sichtbarmachung erklärt, dass sie ein alle Häftlinge umfassendes gemeinsames Denkmal begrüße. Der AG sei ursprünglich nicht bewusst gewesen, so ergänzt sie, dass durch ein Denkmal für die Überlebenden der Eindruck einer Zweiteilung entstehe. Weiter erklärt sie, dass der Schwerpunkt auf dem Aspekt des Mitgestaltens liegen solle. Kritik wird an diesem Punkt laut, dass so diejenigen benachteiligt würden, deren Namen nicht vorgeschlagen würden. Ulrich Gantz gibt an dieser Stelle zu bedenken, dass aber auch gar nicht alle Überlebenden genannt werden wollten bzw. ihre Nachkommen ein solches Sichtbarmachen der Namen nicht guthießen. Der Datenschutz bleibe also ein wichtiger Punkt.

In der sich hieran anschließenden Feedbackrunde wird deutlich, dass viele gerne noch mehr Zeit für persönliche Gespräche mit einzelnen Teilnehmer_innen gehabt hätten und dass auch der Wunsch nach mehr Kleingruppenphasen groß war.

Positiv wurde das Buddy-System beurteilt, bei dem die Jugendlichen einen festen Tandem-Partner aus der Gruppe derjenigen zugeteilt bekommen hatten und es ihnen so erleichtert wurde, mehr Teilnehmer_innen kennenzulernen.

 

 

Mariane Pöschel

Mariane Pöschel studiert Geschichtswissenschaft an der Universität Hamburg.

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Mariane Pöschel studiert Geschichtswissenschaft an der Universität Hamburg.

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