Erinnerungen der Tochter eines polnischen Häftlings

Kindheit während des Zweiten Weltkriegs

Ich wurde am 01.05.1940 in Warschau geboren. Meine frühe Kindheit erlebte ich in der Zeit des Zweiten Weltkriegs mit allen Formen des Terrors der Besatzung durch Nazi-Deutschland.

Jan Derengowski. © Privatbesitz U. Spinkiewicz.

Ich stamme aus einer Familie, die damals zu der sogenannten Intelligenz gehörte. Der Vater – Jan Derengowski (geb. 08.02.1902 in Warschau) – war Ministerialrat im Zentralamt für Statistik. Die Mutter Maria – geborene Lenkiewicz (geb. 24.03.1905 in Warschau) – hatte eine humanistische Bildung genossen. Sie war Hausfrau. Es gab auch noch meine älteren Schwestern – Elżbieta (geb.1933) und Ewa (geb. 1935).

Wir haben im Warschauer Stadtteil Żoliborz bei der ulica Słowackiego 32/36 in einem schönen Gebäude des Ministerrats gewohnt. Mit diesem Ort war unser Schicksal bis zur Vertreibung nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands gebunden. Das Haus haben die Deutschen niedergebrannt und uns haben sie in das Durchgangslager 121 in Pruszków vertrieben. Von dort aus haben sie meinen Vater in das Konzentrationslager Neuengamme (Hamburg) deportiert, wo er am 20.12.1944 ermordet wurde. Ich wurde mit meiner Mutter und meinen zwei Schwestern mit einem Güterzug in das Generalgouvernement (Krzeszowice) deportiert.

Nach dem Ende der Kampfhandlungen kehrten wir in die durch die Deutschen ausgelöschte polnische Hauptstadt zurück, unser heimatliches Warschau.

Ich war viereinhalb Jahre alt. Ich erinnere mich an einige Bilder aus der damaligen Zeit, die folgende Titel haben könnten:

1) Durchsuchung der Wohnung durch die Gestapo.

2) August 1944: Wir sitzen in einem Keller. Bombardierungen, Hunger, Dunkelheit, kein Wasser, Verletzte. Wir fertigen „szarpy“ [Schärpen]  – Verbandsmaterial aus gefundenen Bettlaken und Tischdecken bzw. den Resten davon – an, denn andere Mittel fehlten, für die Soldaten im Krankenhaus. Auch Kinder waren an dieser Tätigkeit beteiligt.

3) „Mama, dieser Schuft hat mir ins Bein geschossen“ – ich bin verletzt. Das Aufstandskrankenhaus an der ulica Cieszkowskiego.

4) Vertrieben gehen wir durch die brennende Stadt. Die Freunde von meinem Vater tragen mich abwechselnd auf den Armen von einem Mantel bedeckt. Ich bin am Bein verletzt. (Wir alle haben Angst vor der Erschießung)

5) Pruszków – die Rampe: Trennung der Menschen zum Abtransport.

6) Krzeszowice – wir leben im Keller (gestampfter Boden), Hunger.

7) Die Rückkehr nach Warschau – Beschuss des Zuges.

Weiterleben ohne Vater

Wir wohnen an der ulica Krechowieckiej 5. Unsere ausgebrannte Wohnung in der ulica Słowackiego 32/36 wurde geplündert und fremde Menschen haben sie bezogen. In der neuen Wohnung im dritten Stockwerk fehlte in der Küche eine Wand, aber wir wohnten immerhin in der Nähe unseres alten Wohnhauses und warten auf die Rückkehr von meinem Vater. Wir haben Angst – mein Vater war ein Offizier der Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa).

Die neue Realität des Nachkriegspolens: die Mutter arbeitet.  Wir lernen und hoffen, dass der Vater zurückkehrt. Wir warten … Wir glauben der offiziellen Nachricht vom Tod des Vaters nicht. Wir leben in Armut. Die Mutter heiratet kein zweites Mal. Wir warten. Wir vermissen den Vater. Der Krieg hat unsere familiären Beziehungen zerstört. Die Mutter hat Angst um ihre Töchter. Ich studiere an der Warschauer Universität.

Der Verband der ehemaligen Häftlinge des KZ Neuengamme

Es vergehen Jahre. Ich beschließe an keine Mythen und Erzählungen zu glauben, die über das Schicksal der Polen kursieren. Ich lerne den Verband der ehemaligen Häftlinge des KZ Neuengamme in Warschau kennen (1976) und werde dort akzeptiert. Ich lerne die Schicksale der Menschen, die in diesem Lager und den zahlreichen Außenlagern gewesen waren, kennen. Ich lese Bücher mit den Erinnerungen von Häftlingen anderer nationalsozialistischer Lager, in denen weitere Mitglieder meiner Familie gewesen waren. Viele von ihnen wollen darüber nicht reden.

Urszula Spinkiewicz und der Überlebende Janusz Kahl bei einer Gedenkfeier in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.© KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

 

Die Erinnerung wach halten

Ich werde ein aktives Mitglied des Neuengammer Verbands und nehme an allen Treffen und Feierlichkeiten teil. Ich fange an, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu besuchen. Ich habe einige Sachen bekommen, die meinem Vater gehörten. Ich wurde in den Vorstand des Neuengammer Verbands gewählt. Ich empfinde Empathie mit den ehemaligen Häftlingen der Konzentrationslager und sehe in deren Schicksalen einen Schatten des gemeinsamen Schicksals mit meinem Vater.

Jedes Mal wenn ich die KZ-Gedenkstätte Neuengamme besuche, bin ich sehr bewegt, weil das ein tragischer Ort nationalsozialistischer Verbrechen und weil es auch der Todesort meines Vaters ist. Das Haus des Gedenkens und das Denkmal des Warschauer Aufstands sind für mich wichtige Orte. Bei jedem Besuch der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gehe ich zu diesen Orten. Ich bin sehr dankbar, dass ich dort Blumen niederlegen kann.

Mit Aufmerksamkeit schaue ich auf die heutigen Deutschen, die sich mit der Nazivergangenheit auseinandersetzen, mit der Zeit vor unserer zivilisierten Welt. Bei den Gedenkfeiern anlässlich der Jahrestage der Befreiung in der Gedenkstätte für das Auffanglager Wöbbelin und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme lerne ich, wie man den Hass auf die Anderen in Respekt für ihre Andersartigkeit verwandeln kann. Das wird in einer schönen, durchdachten, oft sogar in einer künstlerischen Form dargeboten.

Um in Zukunft an die ehemaligen Häftlinge zu erinnern, könnten Informationen in mehreren Sprachen in den Ausstellungen und auf Flyern helfen. Das Wissen über die KZ-Gedenkstätte Neuengamme würde erleichtert werden, wenn historische Aufarbeitungen (ein Katalog, umfangreichere Folder) an die Gedenkorte in den Herkunftsländern der ehemaligen Häftlinge und auch an die Orte, von denen sie in das KZ Neuengamme transportiert wurden (z. B. aus Auschwitz im heutigen Polen) verschickt werden würden. Auch Unterrichtsstunden in Museen sollten angeboten werden, die an das Alter der Schüler angepasst sind und in denen die Schüler und Schülerinnen Material mitbekommen, darunter Texte und Bildmaterial aus den Archiven, damit sie in für sie passenden Momenten darüber noch mal nachdenken können.

Übersetzung: Angelika Malcewska, Georg Erdelbrock

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