Eine Reise nach Belgien und in die Niederlande

MitarbeiterInnen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme besuchen Orte der nationalsozialistischen Verfolgung

Kamp Amersfoort, Kamp Vught, Meensel-Kiezegem, Fort Breendonk, Putten, Kamp Westerbork  waren zentrale Orte der Repression und Verfolgung während der deutschen Besatzung in Belgien und den Niederlanden im Zweiten Weltkrieg. Aus den Niederlanden wurden mind. 6850, aus Belgien mind. 3500 Männer und Frauen als WiderstandskämpferInnen und im Rahmen von „Vergeltungsmaßnahmen“ in das KZ Neuengamme deportiert.

Ehrenfeld auf dem Friedhof in Meensel. Im August 1944 wurden 71 Männer verhaftet und in das KZ Neuengamme deportiert. Foto: Christine Eckel

Im Februar 2016 organisierten die Amicale Internationale KZ Neuengamme und die KZ-Gedenkstätte Neuengamme  eine mehrtägige Reise nach Belgien und die Niederlande: 18 MitarbeiterInnen der Gedenkstätte fuhren an die Orte, die in ihrer Vermittlungsarbeit oft eine große Rolle spielen.

Warum habt ihr an der Fahrt teilgenommen?

Im Gespräch mit einem Vertreter der Stichting Meensel-Kiezegem ’44. Foto: Gisela Ewe

„Ich finde es immer komisch, bei Führungen so selbstverständlich vor jungen Leuten von irgendwelchen Menschen und Orten zu reden, als würde ich sie persönlich kennen! Seien es Überlebende, Nachkommen von Verfolgten, Orte von Verbrechen oder Herkunftsorte von ehemaligen KZ-Häftlingen, ich wollte wissen, wovon ich da eigentlich spreche, wer die Leute sind, was sie denken, wie es da aussieht, um was für Distanzen es sich handelt…“

(Gisela Ewe, seit 2014 Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

 „Als langjährige Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme war ich natürlich begeistert von der Möglichkeit, mit Putten und Meensel-Kiezegem zwei Orte kennen zu lernen, mit deren Geschichte ich mich viel beschäftigt habe. Die Razzien und das Schicksal der anschließend in das KZ Neuengamme deportierten Männer stand ja im Zentrum der Ausstellung „Deportiert ins KZ Neuengamme. Strafaktionen von Wehrmacht und SS im besetzten Europa“, ebenso wie die Erinnerungskultur an diesen Orten. Ich war also insbesondere auf unsere Besuche in Meensel-Kiezegem und Putten gespannt. Aber auch der Besuch der Gedenkstätten Amersfoort, Vught, Westerbork und Breendonk hat mich sehr interessiert – es ist immer sehr anregend, solche Orte mit KollegInnen zusammen zu besuchen.“

(Katja Hertz-Eichenrode, seit 1990 freie Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

Meensel-Kiezegem und Putten

Die Reise ermöglichte den TeilnehmerInnen, die Verbände und Initiativen vor Ort zu besuchen, die uns mit großer Gastfreundschaft empfingen. Zu den Vertretern der Stichting Vriendenkring Neuengamme, N.C.P.G.R.-Meensel-Kiezegem ’44, und der Stichting Oktober 44  in Putten unterhält die KZ-Gedenkstätte Neuengamme seit langem regelmäßige Kontakte, die nicht nur in gemeinsamen Gedenkveranstaltungen, sondern auch in persönlichen Freundschaften zum Ausdruck kommen.

„Vorher hatte ich bereits Kontakt zu Vertretern aus der Gedenkarbeit in Putten und der Stichting Vriendenkring in den Niederlanden sowie der belgischen Amicale de Neuengamme und der Stichting Meenzel-Kiezegem; ich war besonders neugierig, diese Freunde aus dem Ausland an ihren Wohn- bzw. Wirkungsstätten zu besuchen und mir deren Gedenkarbeit einmal direkt vor Augen zu führen.“

(Stephan Taschke, seit 2014 Verwaltungsleiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

 „Wir hatten im Vorwege unterschätzt, wie wichtig der Besuch von „Offiziellen“ aus der Gedenkstätte Neuengamme für die dortigen Initiativen war und waren fast beschämt über so viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit.“

(Ulrike Jensen, seit 1985 Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und seit 2017 Leiterin des Bereichs Gedenkstättenpädagogik im Rahmen der Abteilung Bildung und Studienzentrum)

Kranzniederlegung am Mahnmal in Putten. Foto: Gisela Ewe

Es war sehr interessant und auch berührend, die Herkunftsorte der in das KZ Neuengamme Deportierten zu besuchen und mit Angehörigen zu sprechen. Es hat mir wieder deutlich gemacht, welche wichtige Rolle die Deportation in den Familien spielt, nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Enkeln und Urenkeln. Ich glaube, das ist vielen Leuten in Deutschland gar nicht klar, welche familiären und gesellschaftlichen Spuren der Zweite Weltkrieg in ganz Europa hinterlassen hat.“

(Christine Eckel, seit 2008 Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

Verschiedene Orte – verschiedene Präsentationen

Im Rahmen dieser Studienfahrt konnte die Gruppe zahlreiche Eindrücke verschiedener Gedenkorte erlangen, die unterschiedlich gestaltet und betreut werden: So gibt es ehrenamtlich betriebene Einrichtungen wie in Meensel-Kiezegem oder Putten, Orte an denen Hunderte Einwohner 1944 bei Razzien verhaftet und in das KZ Neuengamme deportiert wurden. An Orten ehemaliger zentraler Haftorte wie Fort Breendonk oder ehemaliger Durchgangslager in die deutschen Konzentrationslager wie das Kamp Amersfoort gibt es kleinere staatliche Gedenkstätten, ebenso wie im ehemaligen Kamp Vught (Herzogenbusch) und dem ehemaligen Durchgangslager Westerbork, die durch professionelle Gestaltung des Geländes und der Ausstellungen andere Möglichkeiten der Herangehensweise bieten. Diese vielfältigen Zugänge zur Geschichte der Besatzung, Repression, Deportation und zur Nachgeschichte boten reichlich Gesprächsstoff.

„Außerdem ist natürlich auch die Frage der Erinnerungskultur sehr spannend, wir sind in Deutschland ja ziemlich auf unsere – sich zwar als kritisch verstehenden, aber dennoch normierten – Narrative und Erklärungsmuster, aber auch Ästhetiken geeicht. Da finde ich es immer wichtig, das mit anderen Erinnerungskulturen abzugleichen, um sich nicht nur um sich selbst zu drehen.“

(Gisela Ewe)

Die verschiedenen Orte hinterließen ganz unterschiedliche Eindrücke, sowohl auf emotionaler als auch aus professioneller Ebene, die innerhalb der Gruppe angeregt diskutiert wurden. Hierzu zählten die in den Ausstellungen gewählten Narrative, Perspektiven und Darstellungsweisen.

„Einmal mehr ist mir klar geworden, wie unterschiedlich Ausstellungsdidaktik und pädagogische Arbeit in den unterschiedlichen europäischen Ländern definiert und durchgeführt wird. Wie sind in Deutschland auf einem komplett anderen Stand als in Norwegen, Dänemark, Belgien und den Niederlanden. Ich denke, das liegt u.a. daran, dass viele Dinge hier in Deutschland nicht möglich sind, weil wir das Täterland sind und aus diesem Grunde sehr vorsichtig und bedacht an Ausstellungsgestaltung herangehen. In anderen Ländern („Opferländer“) gibt es weniger Zurückhaltung, was bspw. Hakenkreuzfahnen oder die Arbeit mit Schaufensterpuppen und Dioramen, Rekonstruktionen und Inszenierungen betrifft.“

(Ulrike Jensen)

Nationaal Monument Kamp Amersfoort

Angesichts der Bedeutung dieses zentralen Durchgangslagers für die Deportation aus den Niederlanden hat die relativ geringe Größe der Gedenkstätte Amersfoort einige TeilnehmerInnen zunächst erstaunt. Gemeinsam mit Martine Letterie, der Vorsitzenden der Stichting Vriendenkring KZ Neuengamme besuchten wir das Gelände und sprachen mit den MitarbeiterInnen der Gedenkstätte darüber, wie angesichts eingeschränkter finanzieller Möglichkeiten und weniger historischer Relikte vor Ort dennoch die zahlreichen Nachfragen nach pädagogischen Angeboten wahrgenommen werden können.

Besuch des ehem. SS-Schießstands, der auch als Ort zahlreicher Hinrichtungen diente. Foto: Gisela Ewe.

Nationaal Monument Kamp Vught

Orte wie das ehemalige KZ Vught (Herzogenbusch) erinnern aufgrund ihrer diversen Nachnutzungen an die Nachkriegsnutzung des Geländes des ehemaligen KZ Neuengamme, erst als Internierungslager und dann als Justizvollzugsanstalt. In der Gedenkstätte Vught wird diese facettenreiche Geschichte in sehr differenzierter Weise thematisiert.

Das begehbare Lagermodel des ehemaligen Kamp Vught. Foto: Christine Eckel.

„Vught – eine Gedenkstätte neben einer Strafanstalt – das kennen wir doch irgendwoher?! Persönlich fand ich die Ausstellung in der Baracke 1B spannend. Dort wird die Geschichte des Lagerstandortes erzählt: Nach dem KZ (1943-44) gab es dort ein Auffanglager für zwangsweise ausgesiedelte Deutsche (1944-45), ein Internierungslager für niederländische Nazis und Kollaborateure (1945-49) und ein Wohnlager für molukkische niederländische Soldaten und deren Angehörige (bis heute). Ich finde den Ansatz interessant, die Ausstellung nicht chronologisch aufzubauen, sondern thematisch, z.B. behandelt die Themeninsel „Ankunft im Lager“ diesen Aspekt aus Sicht von Menschen aus allen vier Perioden. Auch die 2. und 3. Generation werden für alle vier Gruppen, die dort interniert waren bzw. lebten/leben vorgestellt. Natürlich stellt sich die Frage, ob dadurch nicht wichtige Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen verwischt werden.“

(Katja Hertz-Eichenrode)

Herinneringscentrum Kamp Westerbork

In Westerbork, dem ehemaligen zentralen Durchgangslager für Juden, Sinti und Roma in den besetzten Niederlanden, beeindruckte allein schon die enorme Größe des Geländes, das mit einem Shuttlebus mit dem Ort der Dauerausstellung verbunden ist. Das große Angebot in der Ausstellung der Gedenkstätte Westerbork  wird ergänzt durch ein umfangreiches pädagogisches Programm. Zum regen Austausch innerhalb der Gruppe führte der Umgang mit dem ehemaligen Kommandantenhaus, das noch jahrzehntelang bewohnt war:

„Mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu haben wir innerhalb der Gruppe den Umgang mit dem ehemaligen Kommandantenhaus diskutiert. Es wurde komplett in einen Glaskubus gebettet und dadurch auratisiert.“

(Ulrike Jensen)

 

Das ehemalige Kommandantenhaus des Lagers Westerbork. Foto: Christine Eckel

Nationale Gedenkstätte Fort Breendonk

In der Gedenkstätte Breendonk traf sich die Gruppe der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit Vertretern der Amicale belge de Neuengamme. Gemeinsam besuchten wir das Fort Breendonk, eine Anlage aus dem Ersten Weltkrieg, das bereits durch seine Architektur auf die meisten Teilnehmerinnen bedrückend wirkte. Während der Besatzung war Breendonk unter Leitung der SS eine zentrale Haftstätte und das zentrale Durchgangslager in das KZ Neuengamme.

„Der Ort hat mich auf eine Weise deprimiert, die mich verwundert hat.“

(Ulrike Jensen)

Führung im Fort Breendonk. Foto: Gisela Ewe

„Mir ist Breendonk besonders in Erinnerung geblieben, weil es so ein schauerlicher Ort war! Dieses Fort in Kombination mit der Kälte und dem Regen verunmöglichte ja jede Form der Nicht-Überwältigung. Es ist spannend zu sehen, dass man gegen die Atmosphäre eines solch massiven Bauwerks mit Gestaltung und Pädagogik kaum gegen an kommt.“

(Gisela Ewe)

 

 

Austausch

An den verschiedenen Orten kam die Gruppe aus Hamburg mit den MitarbeiterInnen der Gedenkstätten ins Gespräch. Somit konnten wissenschaftliche, gestalterische und gedenkstättenpädagogische Fragen ebenso thematisiert werden wie Fragen der staatlichen Anerkennung, der finanziellen Förderung sowie des Arbeitsalltags.

„In Breendonk hat uns der Gedenkstättenleiter durch das Archiv geführt. Es ist so schade zu sehen, dass beeindruckende Dokumente in den Schränken liegen (unsere mitgereiste Archivarin kriegte ganz leuchtende Augen!), aber das Geld für Transkriptionen oder weitere Bearbeitungen fehlt leider – dabei ist Breendonk doch in Belgien eine „nationale Gedenkstätte“? Ähnlich erging es mir in Amersfoort in den Niederlanden: Dieses ehemalige zentrale Durchgangslager ist von nationaler Bedeutung, doch scheint das Budget ziemlich begrenzt zu sein. Ohne das hohe persönliche Engagement der MitarbeiterInnen vor Ort wäre die Situation noch schwieriger. Ich finde, dass hier auch die wissenschaftliche Forschung und auch die Universitäten gefragt sind, vielleicht auch im Rahmen binationaler Kooperationen?“

(Christine Eckel)

Neben den eindrucksvollen Gedenkstättenbesuchen bildeten die Gespräche mit KollegInnen der Gedenkstätten, aber insbesondere die freundschaftlichen Begegnungen mit Angehörigen ehemaliger Häftlinge einen wichtigen Teil der Reise. Die TeilnehmerInnen der Reise nehmen ihre Erfahrungen und Eindrücke mit nach Hause und bringen sie ein in die Vermittlungsarbeit in der KZ-Gedenkstättenarbeit:

„Ich habe einiges mitgenommen, zum Beispiel, dass ich jetzt über die Orte viel mehr weiß, und mit einer anderen Sicherheit davon berichten kann. Überhaupt ist es für BesucherInnen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme ja immer am spannendsten, wenn wir von eigenen Erlebnissen und Begegnungen erzählen können und nicht nur Dinge erzählen, die ausschließlich aus Büchern stammen.“

(Gisela Ewe)

 „Die Kontakte zu den Orten, aus denen Menschen in das KZ Neuengamme deportiert wurden, können dazu beitragen, transnationale Projekte und Kooperationen zu initiieren, aber auch freundschaftliche Verbindungen zu stärken, die einen Grundstein bilden für die facettenreiche Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg und die Deportation in die Konzentrationslager. Wir treffen die Verbände und Angehörigen von Verfolgten sowie die Vertreter anderer Gedenkstätten regelmäßig in Hamburg, im Rahmen der Gedenkveranstaltungen im Mai, dem Forum „Zukunft der Erinnerung“, bei Treffen der Amicale Internationale KZ Neuengamme und bei Sitzungen des Beirats der Gedenkstätte. Mit den Gegenbesuchen wollen wir auch zeigen, wie wichtig die Initiativen in den ehemals besetzten Ländern für die Arbeit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme sind, denn sie helfen mit, die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen über Ländergrenzen hinweg wachzuhalten.“

(Oliver von Wrochem, seit 2009 Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und seit 2014 stellvertretender Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

 

 

 

 

Christine Eckel

Ich bin Historikerin und engagiere mich in der Amicale Internationale KZ Neuengamme.

Über uns Christine Eckel

Ich bin Historikerin und engagiere mich in der Amicale Internationale KZ Neuengamme.
Loading Facebook Comments ...